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CLAIR/OBSCUR
for seven instruments, six loud speakers and live-electronics (2005-06)
Premiere: March 23, 1999 Maerzmusik Festival 2006 Berlin
Performers: Ictus Ensemble, Georges Ellie Octor
Auftragswerk von Maerzmusik - Festival für aktuelle Musik / Berliner Festspiele

Notes       I     Diagram    I     Photos

Resonanz ist der Schweif des Klanges, dessen im Raum hinterlassene Spur. Nur selten ist das Ohr gewillt, den eigentlichen Klang (im Sinn von produzierter Schallenergie) von seiner Repräsentation im Raum (die Gesamtheit der Reflexionen) zu trennen. Wir hören den Klang und seine Resonanz als Einheit. Mit «Raum» kann zunächst der corpus eines Instrumentes gemeint sein. In zweiter Instanz dann die Reaktion eines architektonischen Raumes und seiner Flächenbeschaffenheit auf den Impuls eines Schallsignals, und - im erweiterten Sinn schließlich - das Zeitraumfeld der Wahrnehmung, in dem sich Klangfolgen als formbildende Verkettung von Ereignissen in der Erinnerung eines Hörers verdichten. Seit längerer Zeit beschäftigt mich die Vorstellung das Resonanzverhalten dieser verschiedenen Räume kontrollierbar zu machen. Es ist u.a. die Vorstellung, die architektonisch-akustischen Bedingungen des Aufführungsortes könnten sich dynamisch, d.h. während der Aufführung, verändern. Hier entstehen Klangfelder, in denen wechselnde musikalische Zustände unterschiedliche akustische Situationen auslösen, die in ihrer räumlichen Instabilität auch eine expressive Zerbrechlichkeit offenbaren: der Klang wird nicht mehr einfach von einer Position aus «gesetzt», sondern findet sich sogleich nach seiner Entstehung aufgelöst in ein labiles Netzwerk aus fortan wuchernden, akustisch sich verselbstständigenden Konsequenzen seiner selbst wieder. In diesem Geflecht verliert sich die Trennschärfe der musikalischen Objekte. Die Grenzen zwischen ihrem An- und Ausklang, ihrem Bild und ihren Abbildern verwischen. Eine Topographie aus bruchstückhafte Kontouren und fluktuierenden Farb- und Helligkeitsunterschieden öffnet sich. Die räumliche Disposition von Claire-obscur ist hexapolar: sechs Instrumente (Flöte, Klarinette, Posaune, Geige, Bratsche, Kontrabass) sind quasi kreisförmig um ein Zentrum (Schlagzeug) aufgestellt. Der Schlagzeuger ist von sechs Lautsprechern umstellt, die nach aussen gerichtet jeweils mit den sechs Instrumenten im Saal per Elektronik klanglich korrespondieren. Von hier aus entfaltet sich die Topographie des Stückes. Die insgesamt 13 Klangpunkte (sieben Instrumente, sechs Lautsprecher) bilden eine räumliche Matrix, auf die das Klangmaterial in räumlich «mobilen» Verteilungsabläufen «projeziert» wird. Clair-obscur, oder Ital. chiaroscuro, bezeichnet in der Malerei eine Technik, mittels der Objekte von ihrem  Hintergrund lediglich durch Farb- und Helligkeitskontraste (statt Kontourlinien) abgehoben werden.